Gerhart A. Bertoldi wird 85

Zum 85. Geburtstag von Gerhart A. Bertoldi
"Halelujah", "Nebelschwaden" und "Sommer" - drei Gemälde von Gerhart A. Bertoldi

Prof. em. Dr. Friedrich Knilli gratuliert Gerhart A. Bertoldi zum 85. Geburtstag:

Lieber Gerhart,

unsere Karl-Franzens-Universität in Graz ist zwar uralt, aber heute noch die schönste Alma Mater in Österreich. Ihren Doppelnamen verdankt sie einem Erzherzog und einem Kaiser. Auf den Lehrstühlen saßen immer wieder mal Nobelpreisträger und nach 1945 ehemalige Standartenführer der SA und SS.

Hier lernten wir uns kennen. In der Aristoteles Vorlesung eines Greises. Er war ein grandioser Erzähler. Seine Kunst der freien Rede demonstrierte er im Hin- und Hergehen vor der Tafel. Ganz Peripatetiker. Nur bei Höhepunkten blieb er stehen. Sie gehörten dem Zitat der Quelle. Der fast Blinde holte eine Lupe aus der Hosentasche und las zwei Sätze auf Griechisch vor. Dem Sinn nach: ?Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die Normalen gebracht haben?

Und alle klopften begeistert Beifall. Auch wir beide. Ja, wir waren solche Verrückte. Und unser erster Meeting Point war die bekannte Weikardt Uhr am Hauptplatz. Du hattest schon deinen schönen schwarzen Bart und ich immer noch mein langes rotes Haar. War Rotfuchs oder Rotschädel. Aber wir gingen nicht die beliebte ?Starter?-Bahn die Herrengasse auf und ab, wo man Mädchen aufreißen konnte, sondern in die Murgasse, weiter über die Mur zum Südtirolerplatz, in die Annenstraße bis zum Hauptbahnhof, unter Brücke durch und irgendwo in Wetzlesdorf kehrten wir um und spazierten über den Bahnhofplatz in die Keplerstraße und zurück über die Keplerbrücke. Es war eine Route, die ich zum ersten Mal im meinen Leben ging, danach nie wieder. Sie ist für mich unvergesslich, weil wir auf dieser Wanderung über unsere Berufswünsche redeten. Was wollten wir werden? Dichter oder Psychologe? Maler oder Mineraloge?

Ich fand damals keine Antwort. Aber danach wurde die künstlerische Umsetzung von Erkenntnissen der Geisteswissenschaft meine Lieblingsbeschäftigung. Und das ist es immer noch. In meinem aktuelles Projekt geht es um einen Internetfriedhof für die Familie Spielmann- Sie wurde 1938 von Antisemiten vertrieben und so liegen die Toten verstreut auf verschiedenen Kontinenten. Abraham wahrscheinlich in Graz. Sohn Emanuel in Wien. Wilhelm in Jerusalem. Rudolf in Shanghai. Enkeltochter in Telaviv. Enkelsohn Hans in Buchenwald. Ernst in Sydney. Und Helmut in Arnfels. Hauptakteur der Arisierung des Kleiderhauses Spielmann war mein Onkel Josef Knilli (www.derinternetlnk.de).

Auch du fandest auf unser Peripatetiker Wanderung keine Antwort für deine Berufsfrage wohl aber danach einen Weg. Er bestand und besteht in einem Widerspiel von Kunst und Wissenschaft, von Malerei und Mineralogie. Dabei vollziehst du dann und wann einen faszinierenden Rollenwechsel.

Etwa in der Vernissage im Autohaus Ribic in Thondorf. Drei Bilder kreuzförmig angeordnet. Dein Bild rechts. Der schöne Kopf eines Weisen. Alles erinnert an einen heimlichen Altar in einer Kfz-Werkstatt mit dir als Apostel.

Oder: In der Rolle des Minnesängers Walter von der Vogelweide beantwortest du meine Einladung zu einem Vortrag über den Internetfriedhof für die Spielmannfamilie:

?Allerliebster!
Endlich erhielt ich deine nach rosen duftende mail. Welche freude, welche freude, dass ich das noch erleben konnte. Wie via emmerigo vernommen kann ich dein Antlitz bald erblicken. ersuche ergebenst um genaueres.
welche freude, welche freude.
gerhart?


Unser Lehrer des Peripatos war Konstantin Radakovic. Er kam 1884 in Graz zur Welt, maturierte in Czernowitzm, promovierte in Innsbruck, habilitierte 1923 mit Vitalismus und Mechanismus und war danach Privatdozent in Graz .1938 entzogen ihm die Nazis die Lehrbefugnis, er emigrierte und wurde Kroate. 1945 kehrte er nach Graz zurück und bekam 1949 eine ordentlicher Professur und die Leitung des Seminars für philosophische Soziologie . Ich lernte ihn im Cafe Herrenhof kennen. Ich wohnte um die Ecke. Da saß er bei einem Schalerl Cafe und las mit einer Lupe die Auslandspresse. Er starb 1973.

Herzlich,
Fritz
Einen schönen 85. wünscht Dir auch Barbara aus China.